Teil 1: Das Problem mit der Aufmerksamkeit

Wir leben in einer Kultur, in der die digitale Ablenkung zum Alltag gehört. Zu viel Zeit vorm Bildschirm führt dazu, dass unsere Gesundheit und unser soziales Leben ernsthaft leiden. Sollten sich unsere Technologien daher stärker auf unser Wohlsein konzentrieren?

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Eine Kultur der Ablenkung 

Studien belegen, dass wir unsere Smartphones über 46 mal täglich entsperren und bis zu acht Stunden vor Bildschirmen verbringen. Obwohl wir uns ständig verbunden fühlen, lässt uns der Überfluss an ablenkender Technologie den Bezug zur Wirklichkeit verlieren.

Ein Smartphone am Esstisch mit Bildschirmseite nach unten mag harmlos wirken, doch Studien belegen, dass sich bereits die bloße Präsenz negativ auf die Qualität und Intensität der Gespräche mit unseren Freunden auswirkt. So hindert alleine die unterbewusste Bereitschaft für ständige Erreichbarkeit an einem Gespräch dran zu bleiben – und bis es dann schließlich durch das Summen einer Mitteilung endgültig im Sande verläuft.

Weniger starke persönliche Verbindungen sind nur eine der Folgen der digitalen Ablenkung, unter der unsere Gesundheit, sowie unser soziales Leben leiden. Konzentrationsschwierigkeiten, sowie Probleme mit der Informationsspeicherung und Aufgabenverwaltung setzen bereits nach kurzer Zeit ein und resultieren in verminderter Produktivität im Büro und zu Hause.

Die langfristige Wirkung der Reizüberflutung beinhaltet, dass Menschen bereits ohne unmittelbare Ablenkung ein Gefühl von Sorge verspüren und jede vorübergehende „Lücke“ mit Inputs wie Spielen oder Nachrichten füllen wollen.

Studien zeigen, dass aber eben jene Lücken von zentraler Bedeutung für unsere Reflexion, mentale Gesundheit und Kreativität sind. Joe Kraus von Google Ventures geht sogar so weit zu sagen, dass durch den ständigen Richtungswechsel der Aufmerksamkeit Beziehungen und unser Wohlbefinden auf lange Sicht ganz verloren gehen können.

„Dem Herzen aller Kreativität, Einblicke, Vorstellungskraft und Menschlichkeit unterliegt die Fähigkeit ALLEM unsere Aufmerksamkeit zuwenden zu können – unseren Ideen, Gedankengängen, ja uns gegenseitig. Und das ist, was am meisten bedroht ist.” – Joe Kraus, Google Ventures

Anstatt unsere Zeit, Energie und Aufmerksamkeit mit relativ unbedeutenden Interaktionen zu verschwenden, könnten wir sie mit Familie und Freunden verbringen oder uns kreativen Projekten widmen. Wie können wir nun den Zweck von Lifestyle-Technologien abändern und uns auf unser Wohlbefinden fokussieren? Der erste Weg in diese Richtung ebnet das Verständnis für das Problem.

Wir sind süchtig nach Bildschirmen!

Eine durchschnittliche Person: 

·       verbringt 8 Stunden täglich vor Bildschirmen

·       verbringt 4 Stunden täglich mit dem Smartphone (5 Stunden in den U.S.A.)

·       checkt das Smartphone alle 15 Minuten oder weniger und wird besorgt, sobald es der Zugang dazu nicht möglich ist.

‍Mary Meeker’s 2017 Internet Trends Report

Das Resultat der digitalen Ablenkung ist, dass das Gehirn darauf trainiert Unterbrechungen zu erwarten, wodurch kurzzeitige Konzentration und kritisches Denken erschwert wird.

·      Studien zeigen auch, dass jemand, der von eingehenden E-Mails und Anrufen abgelenkt ist, einen Abfall von 10 IQ-Punkten erfährt, was dem Schlafentzug einer gesamten Nacht entspricht.

·       67% aller Mobiltelefonbenutzer ertappen sich dabei ihr Gerät nach Nachrichten, Erinnerungen oder Anrufen zu überprüfen, obwohl ihnen kein Klingeln oder Vibrieren Anlass dazu gibt.

Das Gehirn hat eine begrenzte Informationsverarbeitungskapazität

Der konstante, von Bildschirmen ausgelöste Informationsfluss, nutzt die leichte Ablenkbarkeit unseres Verstandes aus. Denn unser Gehirn ist sehr anfällig für sowohl bewusste, als auch unbewusste Ablenkungen und arbeitet am besten, wenn wir uns aktiv auf nur eine Sache konzentrieren.

Kognitive Überlastung

Die kognitive Belastungstheorie erklärt, warum das menschliche Gehirn nur über eine begrenzte Informationsspeicherungskapazität  verfügt (um genau zu sein, 120 Bits pro Sekunde beim Lesen und beim Zuhören 60 Bits pro Sekunde). Deshalb können wir uns (durchschnittlich) nur sieben Zahlen im Kurzzeitgedächtnis merken und uns auf nicht mehr als zwei Personen in einem Gespräch konzentrieren.

Stell Dir vor, Du schreibst eine Nachricht während Du die Straße überquerst. Plötzlich beginnt ein Auto zu hupen und Deine Aufmerksamkeit setzt erst in der Mitte der Kreuzung ein. Du beginnst, Deine Umwelt also erst dann zu realisieren, wenn es bereits zu spät sein kann – ein Beispiel hoher kognitiver Belastung.

Neurologen haben herausgefunden, dass unser modernes Leben zu einer Überlastung des Gehirns führt.

Die kognitive Belastung verringert sich, wenn Informationen mit mehreren Sinnen auf einmal verarbeitet werden müssen. Wenn man beispielsweise einen Lichtschalter betätigt, benutzt man dafür Seh-, Hör- und Tastsinn, das motorische Gedächtnis, sowie das Bewusstsein für die Umgebung. Auf einem Smartphone geht all das verloren. Grafische Benutzerschnittstellen fordern für die Informationsweitergabe lediglich unseren Sehsinn und in ein geringes Ausmaß an Haptik.

Das bedeutet, dass bei der Überprüfung des Smartphones alles andere mental in den Hintergrund gerückt wird. Gespräche, Aufgaben und kreative Prozesse werden vernachlässigt, um die uneingeschränkte Konzentration auf den Sehsinn zu lenken.

Multitasking ist ein Mythos

Multitasking limitiert unsere Fähigkeit eine gute Leistung zu erbringen, da unser Gehirn so gestrickt ist, Aufgaben abwechselnd und nicht gleichzeitig zu bearbeiten. Der schnelle Wechsel zwischen zwei Dingen unterbricht unseren Gedankengang und behindert uns so in unserem Arbeitsablauf. Wenn wir mehrere Dinge simultan machen, verringert sich die Produktivität um bis zu 40%.

Der Mythos vom Multitasking

Multitasking ist allerdings nicht nur unproduktiv, sondern auch stressig – was ein noch größeres Problem darstellt. Wenn Menschen in ihrem Leistungsfluss unterbrochen werden, steigen Stress- und Frustrationslevel an, sowie Belastung, Aufwand und Druck. Zusätzlich kann dadurch das Stresshormon Cortisol auf ein chronisch hohes Niveau gehoben werden, was uns anfälliger für aggressives und impulsives Verhalten macht und die Risiken einer kardiovaskulären Erkrankung erhöht.

Kurz gesagt, unser Körper und Verstand leiden unter dem Ergebnis des Multitaskings und können dadurch nicht gewinnen.

Apps wurden als “Aufmerksamkeitsfresser” entwickelt

Es ist nicht überraschend, dass die uns umgebenden Objekte  einen direkten Einfluss auf unsere Gefühle, Handlungen und Gesundheit haben. Unglücklicherweise werden die meisten Produkte so entwickelt, dass sie uns sofort ins Auge springen, damit wir sie häufiger verwenden (und entsprechen somit nicht dem Konzept einer Grundlage für die Steigerung des Wohlbefindens unseres Geistes).

 

Diese aufmerksamkeitsfressenden Produkte ermöglichen nicht nur eine Ablenkung, sondern fördern sie. Ein Beispiel dafür ist Twitters Art, wie Benachrichtigungen dargestellt werden: öffnet man Twitter, dauert es eine gewisse Zeit bis alle Nachrichten angezeigt werden. Dies geschieht nicht aus technischen, sondern aus konzeptionellen Gründen. Denn es entfaltet dieselbe Wirkung wie bei einem Glücksspielautomaten – während man auf die Informationen wartet, baut sich Spannung auf, was beim Erhalt dieser einen Dopaminrausch im Körper auslöst. So werden die Nutzer süchtig nach diesem Prozess.

Der Hauptgrund für eben jenes Produktkonzept ist schlichtweg im Geschäftsgedanken verankert. Je mehr Zeit mit dem Produkt verbracht wird, desto mehr Werbung kann dem Benutzer beispielsweise gezeigt werden und folglich wird mehr Geld verdient.

 

Das Design von Produkten muss fundamental verändert werden 

Im Großen und Ganzen sind die negativen Effekte digitaler Ablenkung erdrückend und überwältigend. Die Unfähigkeit jemandem uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu schenken und Arbeit und Privatleben voneinander zu trennen, Kindern Einfühlungsvermögen beizubringen und reflektiert zu denken – was für den Erhalt der mentalen Gesundheit und Kreativität von zentraler Bedeutung ist, sind nur einige Beispiele.

Das Design der Bildschirme selbst birgt noch mehr Probleme als Erreichbarkeit, dem Aufruf zum Handeln, kognitive Beanspruchung, Muskelbelastung oder Einschränkung menschlicher Leistungsfähigkeit. Wir stellen uns dieser Herausforderung und setzen den Gegebenheiten den Entwurf digitaler Instrumente, die auf einem anderen, gesünderen Fundament aufbauen.

Lasst uns von unserer Technologie mehr erwarten!

Das ist das Problem, mit welchem wir uns auseinandersetzen: wie können wir den Fokus auf Technologie legen, die einen Nutzen für uns hat und unser Wohlbefinden an erste Stelle rückt? 

Bleibt also dran, wenn wir Euch von unseren Weg berichten, wie wir Technologie gestalten, die Euer Leben bereichert und Euer Wohlbefinden unterstützt.

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